Posts mit dem Label Regattabericht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Regattabericht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Henley, Tag 3

oder: the happiest rower I've ever seen.

Nachdem ich am Donnerstag eines der ersten Rennen hatte, habe ich am Freitag eines der letzten: 6:40 p.m. Das ist so spät, dass wir nach dem Rennen nicht mehr mit dem Bus nach Reading zurückfahren können, sondern die Bahn werden nehmen müssen. Dafür ist es aber auch so spät, dass meine Familie es bequem nach dem Abendessen angucken kann. Und außerdem gibt es uns die Möglichkeit, vor dem Rennen ein paar Stunden in der Stewards Enclosure zu verbringen. Neben Ruderrennen und schrägen Outfits können wir dort auch die Art Gallery und alle Pokale bestaunen. Besonders fasziniert mich, dass die Pokale alle so alt sind, dass unten schon x mal angestückt werden musste, um genug Platz zu haben, alle Gewinner einzugravieren. Außerdem holen wir uns beide leider einen hübschen Sonnenbrand ab, denn heute ist der erste Tag der Regatta, an dem sich das strahlende Etwas ein bisschen häufiger am Himmel zeigt.

Da ich eines der späten Rennen habe, genieße ich das Privileg, in der Tea Time rudern gehen zu dürfen. Es ist mal wieder Bootsslalom angesagt - besonders fasziniert bin ich von der schwimmenden Eisdiele. Außerdem drehen über meinem Kopf fleißig Helis (zu Tobis Freude) und Kunstflugzeuge ihre Runden.


Abends ist es dann so voll und die Rennabstände so groß, dass man beim Warmfahren das erste Stückchen in der Regattastrecke hochfahren muss. Ansonsten genieße ich das Warmfahren wie sonst selten eine Rudereinheit. Es ist warm und trocken, aber nicht zu sonnig, das Wasser ist zwar kabbelig, aber noch gut ruderbar und ich werde sogar beim Training lautstark von allen Seiten angefeuert. Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen und mein einziger Gedanke ist: MEIN GOTT IST DAS COOL!

So liege ich auch mit breitem Grinsen neben meiner Kontrahentin aus den Niederlanden am Start und freue mich einfach drauf, gleich diese Wahnsinnsstrecke runterzunageln. Harriet, eine der Ruderinnen aus Newcastle, die dieses Mal mit Alex und Tobi in der launch vessel sitzt (weil sie mal jemand richtig gut skullen sehen wollte, wie Tobi mir später erzählt - Mann, fühle ich mich gebauchpinselt!) sagt, sie habe noch nie in ihrem Leben so ein glückliches Mädchen gekannt.

Das Rennen ist vom Verlauf her leider recht unspektakulär - ab kurz hinter Temple Island sehe ich von Inge leider nur noch Kondensstreifen. Spaß macht es trotzdem und schneller rudern wäre auch einfach nicht mehr drin gewesen. So steige ich trotzdem sehr zufrieden aus meinem Boot und falle erst Inge und dann Tobi in die Arme. Ich glaube, im Viertelfinale rausfliegen hat sich noch nie so gut angefühlt.

Aber jetzt lasse ich doch nochmal den Tobi zu Wort kommen, der kann die Atmosphäre hier so gut beschreiben:
Ein wirklich nennenswerten Unterschied zwischen Judith und ihren Kontrahentinnen ist sogar mir als nicht-Ruderer aufgefallen: Judiths Gegnerinnen wirkten alle irgendwie verbissen und verkrampft. Judith dagegen war einfach glücklich und ausgeglichen. ("Sie ist das glücklichste Mädel, dass ich je gesehen habe." oder: "Lächelt sie immer so viel?" waren Sätze die ich auf dem Schiedsrichterboot bei beiden Rennen hörte.) Das heißt nicht, dass sie nicht konzentriert und nervös war. Ganz im Gegenteil: Judith war extrem konzentriert aber eben auch extrem glücklich! Man merkte ihr an, dass sie das machen darf, was ihr am meisten Spaß macht: schnell Rudern! Und das nicht um um jeden Preis gewinnen zu müssen, sondern wegen des Spaßfaktors.
Aus meiner Sicht als nicht-Ruderer und nicht-Leistungssportler war es eine gute Entscheidung mal dem Leistungsdruck zu entfliehen und die hohe Leistung lieber aus Spaß und Freude heraus zu erbringen. Judith wirkt damit einfach viel ausgeglichener, zufriedener und glücklicher. 
Genauso toll finde ich die tolle Atmosphäre und dass "Verlierer" hier genauso gefeiert werden wie Gewinner. Es gibt einfach keine Verlierer hier in Henley. Wer herkommt und mitmacht hat schon gewonnen.
Als wäre das nicht schon genug, ist es wunderschön zu sehen und zu spüren, dass die Mädels und Jungs aus Newcastle, mit denen Judith ab Oktober rudern wird, Judith vor allem als Mensch schätzen und nicht nur aufgrund ihrer herausragenden Leistungen im Sport.






Henley, Tag 2

Ich glaube, so tierisch aufgeregt war ich schon lange nicht mehr vor einem Rennen. Man könnte auch sagen: so vorfreudig. Die Minuten, bis ich endlich ablegen darf, ziehen sich endlos in die Länge. Ein Blick ins Programmheft macht mich noch etwas nervöser: meine Gegnerin, Pippa Whittacker vom Imperial College in London, wiegt knappe 3 Stones mehr als ich. Also ein echtes Schwergewicht. Nichtsdestotrotz freue ich mich einfach riesig darüber, vor dieser krassen Kulisse rudern zu dürfen - auch, wenn an diesem morgen (mein Rennen startet um 9:20) noch nicht die Massen das Ufer säumen, die es gegen Mittag noch werden sollen.
Alex, der Frauencoach aus Newcastle, steht am Eingang des Boat Tents um mir Glück zu wünschen und freut sich sehr über Tobi's spontane Einladung, ihn mit aufs Umpire Boat zu nehmen (eine schöne Besonderheit der Henley Regatta: pro teilnehmendem Boot dürfen drei Leute auf dem Schiedsrichterboot mitfahren, um das Rennen aus nächster Nähe anzuschauen. Reden dürfen sie aber nicht, genausowenig Pfeifen, Winken, oder den Sportlern irgendwelche Zeichen geben.)


Nachdem ich im kurvigen Warmfahrbereich einmal fast das Skull an einer Boje hängen gelassen hätte und man die Startbrücke maximal weit nach vorne geschoben hat ("Your boat is very tiny!") geht es auch schon los. Überraschenderweise liege ich gleich vom Start weg vorn und kann den Abstand über die - insbesondere bei Gegenwind - ewig lange Strecke auch noch ausbauen. Ansonsten lassen wir zum Rennverlauf am besten die Bilder sprechen, mein heutiges Rennen gibt's nämlich auch auf Youtube zu sehen. Im Übrigen mit erstklassiger Reportage der beiden worldrowing-Moderatoren und Fernsehbildern, die man in der Qualität oftmals noch nicht mal für die WM bekommt.

In den Zeiten, in denen auf dem Schiedsrichterboot geredet werden darf, findet Tobi noch allerlei interessantes und kurioses über die Henley Royal Regatta heraus. Etwa, wie das voll analog-mechanische Anzeigesystem funktioniert: in der Stewards Enclosure sitzt einer mit Fernglas und zwei Modellbooten, die er auf einer Tafel hin- und herschieben kann, um den aktuellen Abstand anzuzeigen. Den weiß er, weil an jedem Zwischenposten, sobald die Ruderer vorbeigefahren sind, zwei Tafeln in der Reihenfolge, in der die Ruderer vorbeigefahren sind, hochgezogen werden. Je nach Abstand an der Markierung werden auch die Tafeln unterschiedlich weit hochgezogen. Nachdem aber nicht ganz so viel Platz auf der Anzeige ist, ist alles über vier Längen Vorsprung nur noch als "easily" zu bezeichnen. Eine ähnliche Anzeige gibt es auch für die Zwischenzeiten.

A propos easily: morgen, im Viertelfinale, treffe ich auf eine der Silbermedailliengewinnerinnen der Rio-Olympiade im Frauendoppelvierer. Bin gespannt, wie lange ich sie ärgern kann. Drückt mir die Daumen!



Regatta Ratzeburg

Glück findest du nicht, wenn du es suchst, sondern wenn du zulässt, dass es dich findet. (unbekannt)
An manchen Tagen möchte man die ganze Welt umarmen.
 Ich habe die letzten Wochen nicht trainiert. Ich habe einfach nur Sport gemacht. Bin mit dem Rennrad nach Stade gefahren und mit dem Tandem (und Tobi am Lenker) um die Moselschleifen gegurkt. Wir haben gemeinsam gelernt Discofox zu tanzen. Ich habe ab und zu Yoga gemacht, war klettern und schwimmen (einmal mit und einmal ohne Kayak). Und ja, und gerudert bin ich auch. Nicht jeden Tag, und wenn ich es vorhatte und es hat doll geregnet und gestürmt, dann habe ich halt auf besseres Wetter gewartet und bin dann nicht so lange gefahren. Und einmal haben wir uns spontan mit der Trainingsgruppe in den Doppelvierer geschwungen.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich vermisse das systematische auf-einen-Wettkampf-zu-trainieren ganz und gar nicht. Noch weniger vermisse ich es mich ständig müde zu fühlen und am allerwenigsten die Bauchschmerzen, die in den letzten 1,5 Jahren mehr oder weniger Dauerzustand waren.
Nun also doch eine Regatta: Ratzeburg. Die letzten Jahre eher eine nervige Pflichtveranstaltung mit Krebsen, nicht eingefahrenen Vierern und ähnlichen Katastrophen. Dieses Jahr komme ich nach Ratzeburg und denke nur so etwas in die Richtung: Schön hier. Und so viele nette Leute! Und das völlig ohne Ironie.

Sieg am Samstag...
Irgendetwas muss sich auch gewaltig geändert haben an meiner Ausstrahlung. Es gibt an diesem Wochenende viele Leute, die auf mich zu gehen und Dinge zu mir sagen wie: "Es gefällt mir, wie du hier herumläufst." und "Du siehst glücklich aus." oder: "Du wirkst so entspannt." und natürlich "Darf ich mal den Ring sehen?" und: "Wann heiratet ihr denn?"
Das ich es an beiden Tagen auch noch schaffe, den Leichtgewichts-Fraueneiner zu gewinnen setzt dem Ganzen noch das Sahnehäubchen auf. Es waren beides Rennen auf Augenhöhe, bei denen ich ordentlich arbeiten musste, um mich abzusetzen. Wahrscheinlich hätte mir der zweite oder dritte Platz fast genauso viel Spaß gemacht. Und ich frage mich immer noch, ob das Zufall war, dass ich zur Siegerehrung am Sonntag geiles Leben gespielt bekommen habe. Hat einfach gepasst.

... und am Sonntag

Reine Kopfsache.

Ich werde dieses Jahr nicht auf der WM dabei sein. Soviel steht fest. Es ist mein eigener, ausdrücklicher Wunsch.

Aber lasst mich vielleicht dort anfangen, wo der letzte Blogeintrag aufhört:

Am 25. September finden die Vorläufe der diesjährigen Ruder-Weltmeisterschaft statt. Am selben Tag startet das Wintersemester an der University of Newcastle.

Wenige Tage, nachdem ich von meinem England-Besuch wieder da war, hatte der DRV alle Bundeskaderathleten zu einer Informationsveranstaltung zum Thema Leistungssportreform eingeladen. Die Leistungssportreform und vorolympische Zentralisierung, die in letzter Zeit hinreichend in einschlägigen Medien diskutiert worden ist, möchte ich mich an diese Stelle gar nicht thematisieren. Für mich war jedoch eines der konkreten Ergebnisse des Tages der vorläufige Saisonplan meines zuständigen Bundestrainers. Dieser sieht ab Anfang Mai bis Ende Juli vor, dass die Sportlerinnen, die in Sarassota den Zweier und Einer fahren, jedes Wochenende ab Donnerstag in Ratzeburg trainieren. Anschließend geht es dann in die insgesamt 10-wöchige unmittelbare Wettkampfvorbereitung zur WM.

Ich bin frisch verlobt, muss diesen Sommer eine Wohnung in Hamburg auflösen und eine neue in England finden, bin zu 3 Hochzeiten von mir sehr nahestehenden Menschen eingeladen und einen Job habe ich auch noch.

Man kann es also drehen und wenden wie man will, diese Saison gibt es zu viele wichtige andere Dinge in meinem Leben, als das ich dem Rudern so viel Zeit und Energie widmen kann wie notwendig wäre, um eine erfolgreiche Saison zu fahren.

Blieb mir also noch die Aufgabe den passenden Punkt zu finden um auszusteigen. Meine beste Freundin hatte definitiv Recht damit, dass man sich nicht durchs ganze Winterhalbjahr quälen und dann vor der ersten Regatta die Flinte ins Korn schmeißen sollte. Ich entschied mich also, auch um des Chancenerhalts Willen, die beiden wichtigsten Leistungsüberprüfungen, nämlich die Langstrecke Leipzig und die Deutschen Kleinbootmeisterschaften, noch mitzufahren. Rückblickend sind das mit Sicherheit zwei der lehrreichsten Regatten meines Lebens gewesen.

Ich reiste total übermüdet nach Leipzig an. Bevor ich nach der abendlichen Ruderrunde erschöpft in mein Bett fiel, nahm ich meine Kontaktlinsen raus, packte sie in den Einsatz des Behälters mit der Reinigungsflüssigkeit - und vergaß anschließend, den Einsatz in den Behälter zu stellen. Am nächsten morgen waren die Linsen komplett ausgetrocknet. Ich hatte keine Ersatz-Linsen dabei, von einer Brille ganz zu schweigen. Ich verbrachte das Wochenende also quasi im Blindflug.

Für den Ergometertest gab es dieses Jahr erstmalig für alle Bereiche eine Norm, die es zu knacken galt. Zwei Wochen nach dem Trainingslager war ich etwas aus der Übung, was das Ergo anging. Ein neuer Bestwert musste es Dank der Norm ja nicht sein und eine 7:18 schaffe ich inzwischen auch ohne absolute Tagestophöchstform. Und genau so bin ich das Rennen dann auch gefahren: Die ersten 1000m mit einer Durchlaufzeit, die bei konsequenter Beendigung des Rennens auch eine 7:16 hätte werden können, und dann wurde ich immer langsamer. Am Ende stand eine 7:17,5 (wenn ich's richtig im Kopf habe) auf dem Display. Knapp, aber ausreichend. Zufrieden war ich nicht, und das noch nichtmal wegen des Ergebnisses in Zahlen, sondern weil ich das Gefühl nicht loswurde, dass ich das eigentlich besser kann.

Abends stand ich vor dem Training auf dem Steg und mir war alles so fürchterlich egal. Nicht das entspannte, unbelastete Egal. Es war dieses Egal, bei dem die Welt an einem vorbeizuziehen scheint. Irgendwie hat Markus in der Situation noch die passenden Worte gefunden, die mich doch dazu brachten noch ins Boot zu steigen. Erstaunlicherweise machte es sogar Spaß.

Am nächsten Tag dann die Langstrecke im Blindflug. Ich fuhr konzentriert und kam ganz gut vorwärts. Irgendein seltsamer Mechanismus in meinem Kopf schien sich beim Ablegen völlig selbstständig in den Wettkampfmodus geschaltet zu haben. Das Fahren an sich machte sogar richtig Laune und ich stellte fest, dass es gar nicht mal so doof ist, nichts zu sehen - dann muss man sich schon nicht das ganze Rennen den Kopf darüber zermartern, ob die, die hinter einem fährt jetzt rankommt, oder ob man sich seinerseits absetzen kann.

Ich legte an und konnte meinen Trainer nicht finden. Und der hatte meine Jacke mit dem Spindschlüssel. Halb blind, erschöpft und völlig neben mir stehend bin ich auf dem Regattaplatz rumgeirrt. Zum Glück hat Stromi Markus dann einfach angerufen und der konnte mir dann sagen, wo ich meine Jacke finde.

Ich hätte an diesem Nachmittag gerne überall sein wollen, aber nicht auf diesem Regattaplatz. Ich hatte es tatsächlich geschafft, die drittschnellste Zeit zu fahren und dann stand ich da vor dem Treppchen und wollte mich nicht draufstellen. Alle guckten mich an und ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.

Am schlimmsten waren die Leute, die mir noch erklären wollten dass ich doch total super gerudert sei. Ich stand stumm daneben und nickte, denn wo hätte ich anfangen sollen mit erzählen?

Das Training in den folgenden drei Wochen war zutiefst unbefriedigend. Einerseits aufgrund der Rahmenbedingungen - es war kalt und windig und außerdem war mal wieder die Reiherstiegschleuse gesperrt, so dass wir für jede Rudereinheit nach Allermöhe fahren mussten. Andererseits ruderte ich so schlecht wie schon seit langem nicht mehr. Nichts gelang mir und keine der Einheiten machte auch nur ansatzweise Spaß.

Am Osterwochenende fand dann der Hamburger "Frühtest" statt - DIE Gelegenheit, vor den Kleinbootmeisterschaften nochmal das Rudern unter Wettkampfbedingungen zu üben. Ich fuhr den Vorlauf, fuhr anschließend nach Hause und schlief zwei Stunden auf dem Sofa. Auch die nächsten Tage blieb mein Boot im Trockenen. Ich war einfach nur völlig fertig. Am Dienstag und Mittwoch stieg ich dann mit etwas frischer Energie wieder für kurze Trainingseinheiten in den Einer. Es lief besser als die vorangegangenen Wochen, aber weit weg von "gut gerudert." Ich war froh, wenn ich nach dem Training nach Hause fahren durfte.

Am Donnerstag ging es dann prompt erstmal damit los, dass wir zwar Boot und Skulls auf das Autodach luden, meine Ausleger aber in Allermöhe liegen ließen. Was ein Glück, dass andere erst später anreisten und sie noch für mich einpackten (Danke, Nils!).

Zum Vorlauf am Freitag hatte ich Glück im Unglück - nach einigen Abmeldungen wurden die Vorläufe nochmal umgesetzt, so dass ich nicht die Gegnerinnenkonstellation abbekam, die anschließend eines der härtesten Firtelfinals abgab. Ich fuhr relativ souverän vorneweg - vom Abstand her - ruderisch war es irgendwie noch nicht das Wahre… Ich hätte nicht gewusst, wie ich einen Spurt hätte fahren sollen aus diesem Streckenschlag heraus.

Das Viertelfinale am Samstag ging meinerseits mit einem leicht verschlafenen Start los, so dass ich mich erst bei Streckenhälfte an meiner Kontrahentin aus Limburg vorbeiarbeiten konnte. Im ersten Streckenviertel hatte ich das Gefühl, gar nicht mit dem Kopf im Boot zu sein. Es war, als würde ich mir das Rennen von außen angucken. Es war letztlich dann ein Arbeitssieg, der mir aber immerhin die schnellste Viertelfinalzeit bescherte.

Auch im Halbfinale, das von der Ansetzung her hart, aber machbar war, kam ich am Start einfach nicht richtig in die Puschen, so dass meine Kontrahentinnen mir mal eben locker ein paar Längen davonfuhren. Viel zu spät realisierte ich, dass ich wirklich Gummi geben musste, um noch ins Finale zu fahren. Mit etwas über einer Sekunde Rückstand auf die Drittplatzierte Schweizerin Ladina Maier musste ich somit Vorlieb mit dem Finale B nehmen. Mein Gott, wie peinlich mir das war! Das letzte Mal war ich 2012 im B-Finale. So hatte ich mir das definitiv nicht vorgestellt. Das Schlimmste war aber definitiv, dass ich aus dem Boot gestiegen bin und überhaupt nicht wusste, ob ich jetzt eigentlich gut oder schlecht gerudert bin oder wo es jetzt genau geklemmt hatte.

Immerhin gab mir das völlig verpatzte Halbfinale nochmal Motivation, im Finale B nochmal richtig Leistung zu zeigen. Die wohlwollende Anerkennung (nebst ehrlichem Bedauern) meines Rückziehers für die Saison seitens des DRV machte mir die Sache mit Sicherheit auch um einiges leichter.

Letztlich gelang es mir dann auch, deutlich vorneweg zu fahren und anschließend eine Zeit auf dem Ergebnis zu lesen, die mich für viele auf dem Platz zur "inoffiziellen Dritten" machte. Letzten Endes fährt man aber meiner Meining nach keine komplettes Qualifikationssystem aus, um anschließend Zeiten zu vergleichen.

Auf jeden Fall haben die beiden Regatten eindrucksvoll bewiesen, dass Rudern trotz aller physischen Voraussetzungen die man so mitbringen muss vor Allem eines ist: Kopfsache!

PS: War letzte Woche zweimal Rudern. Hat Spaß gemacht.

Die große Testbatterie

Winteranfang ist Testzeit. Den ersten Test, die berühmt-berüchtgte KLD, habe ich mit einem gekonnt geplanten Trainingswochenende mit Fini in Brandenburg gerade so noch umschifft, dafür legen wir in der letzten Novemberwoche einen richtigen Analyse-Marathon hin.

Los geht es am Samstag in Ratzeburg: Hier steht Messboot auf dem Programm.
Anders als alle anderen Tests in den folgenden Tagen findet das aber nicht auf Aufforderung des Verbandes statt, sondern aus Eigeninitiative meines Trainers. Der will nämlich überprüfen, ob ich, seit ich im Sommer ein bisschen Viererfahren war, tatsächlich so geil rudern kann, oder ob er doch einen Knick in der Optik hat ;-)
Spaß beiseite: Wie schon bei meiner letzten Messboot-Session vor drei Jahren erklärt, handelt es sich bei dem Messboot nicht um einen ganz besonderen Kahn, sondern um alle mögliche Sensorik, die Messtechniker Mark in stundenlanger Bastelarbeit liebevoll in mein Boot geklebt hat. Die misst jetzt im Wesentlichen wie viel Kraft ich in Abhängigkeit des Winkels an der Dolle ans Blatt bekomme, und wie die Bootsgeschwindigkeit darauf reagiert. Mark und Markus fahren im Motorboot nebenher und können sich die Kurven live auf dem Laptop angucken. Ich bekomme sie später in der Auswertung präsentiert.
Fazit: Im Vorder- und Mittelzug operiere ich auf dem guten Niveau, das Markus meint, mit dem bloßen Auge erkannt zu haben, am Endzug muss ich aber noch arbeiten.

4 Tage später, gleicher Ort, anderes Testformat: Stufentest.
Nachdem mich mein Kollege Stefan ausführlich zu dem Thema interviewt hat und ich mich deswegen auch selbst ein bisschen aufschlauen musste, kann ich euch jetzt auch berichten, was da gemessen wird:
Und zwar fährt man im Stufentest, wie der Name schon andeutet, mehrere 4-minütige Stufen bei einer vorgegebenen Leistung. In den jeweils 30 Sekunden zwischen den Tests wird am Ohrläppchen ein bisschen Blut abgezapft und die darin enthaltene Laktatkonzentration gemessen. Über eine entsprechende Interpolation kann man dann ermitteln, wo beim jeweiligen Athleten die aerobe und die aerob-anaerobe-Schwelle liegt.
Die aerobe Schwelle bei einer Laktatkonzentration von ca. 2mmol/l bezeichnet den Leistungsbereich, in dem der Körper erstmals zusätzlich zum aeroben Stoffwechsel auch noch einen gewissen anaeroben Anteil "zuschaltet". Ab der aerob-anaeroben Schwelle bei 4mmol/l ist der anaerobe Anteil der Energiebereitstellung so hoch, dass der Körper das Laktat, welches als Nebenprodukt des anaeroben Stoffwechsels anfällt, nicht mehr so schnell abbauen kann, wie es nachgebildet wird. Die Muskulatur fängt in folge dessen an zu übersäuern und kann die Leistung deshalb nicht dauerhaft durchhalten.
Die beiden Schwellen werden einerseits als Messwert für die Fitness des Sportlers genutzt - je höher die Schwellen, desto besser die Ausdauer - andererseits dienen sie auch der Trainingssteuerung. Extensives Ausdauertraining zum Beispiel sollte immer unterhalb der 2mmol-Schwelle stattfinden.
Meiner Fitness scheint es schon mal gut zu gehen - zumindest ist meine 4mmol-Schwelle dort, wo sie auch während der letzten paar Tests lag, und die P2-Schwelle hat sich nochmal etwas nach oben hin verbessert.

3 Tage darauf: gleiches Gerät, anderer Ort, andere Aufgabe: 2000m Ergometertest in Dortmund. Meine absolute Hass-Disziplin. Als Top-Leichtgewicht sollte man unter 7:10min fahren. Mein persönlicher Bestwert liegt bei 7:15,3. Mit meiner Leistung liege ich bei den meisten Verbandstests im oberen Mittelfeld - U23 eingeschlossen.
Ich habe natürlich die ganze vergangene Woche ziemlich viel Ergofahren geübt. Läuft soweit ganz gut, zumindest über kürzere Strecken. Länger als ein paar Minuten bin ich auf den höheren Frequenzen aber nie gefahren. Mir steckt die lange Autofahrt noch in den Knochen, mein linkes Bein fühlt sich beim Warmfahren ein bisschen fest an. Andererseits gibt es wohl nie den Tag, an dem man sich vor dem Test in absolut unübertroffener Topform fühlt. Schon allein deswegen, weil man aufgrund der Nervosität jedes kleine Zwicken in Körper und jede nicht ganz so perfekte Bewegung viel intensiver wahrnimmt und interpretiert als an einem normalen Trainingstag.
In der Rennbesprechung waren wir uns uneinig: Markus meinte, ich soll mal so eine 7:18 anpeilen. Mir schwebte eher eine 7:16 vor. (Klingt wahrscheinlich jetzt erstmal wenig für euch... Um euch einen Anhaltswert zu geben: in den letzten 5 Jahren habe ich mich pro Jahr auf dem Ergo um ca. 2 Sekunden verbessert.) 
Also los: dieses Jahr habe ich leider nicht die Seite des Ergoraums mit Aussicht über den Kanal erwischt, sondern die mit Blick auf die Wand. Ist aber auch egal, nach den ersten paar Schlägen verengt sich die Wahrnehmung sowieso zunehmend. Dann ist da nur noch das Display, der Rhythmus des Schlages und das Brüllen meines Trainers. Ich konzentriere mich darauf, es "laufen zu lassen" und mich nicht aus dem Rhythmus bringen zu lassen. Mein Display zeigt fast durchgängig den selben Wert: 1:49min/ 500m. Ich bin gut unterwegs. Dank Start- und Endspurt steht am Ende eine neue persönliche Bestzeit: 7:14,8. Neben mir fällt Katrin vom Ergo, auch ich brauche eine ganze Weile, bis ich wieder aufstehen und zur Laktatabnahme laufen kann. Da sitzen wir dann zu acht im Stuhlkreis, knapp 10 Minuten lang und sind noch hauptsächlich mit Atmen beschäftigt.

Während ich mich warmgemacht habe, hat Markus meine neuen Skulls mit den Süderelbe-Farben beklebt. Um zu testen, ob es hält und um mich wieder ans Rudern im Boot zu gewöhnen, drehe ich Nachmittags noch eine lockere Runde im Einer.

Am Sonntag heißt es dann: Showdown. 6000m im Einer. 
Anders als viele andere Ruderer freue ich mich immer auf diesen Test. Langstrecke liegt mir mehr als die üblichen 2000m und ich genieße es, dass man aufgrund der Streckenlänge nicht die ganze Zeit auf Anschlag fahren kann, sondern dafür sorgen muss, das Boot mit wenig Aufwand schnell voran zu bringen.
Weil Anja Noske dieses Wochenende krank ist und unsere beiden Olympionikinnen von der Langstrecke freigestellt sind, darf ich als Erste fahren. Katrin folgt mit 45 Sekunden Abstand, dahinter kommt Österreichs Einerfahrerin Leonie Pless. Mein Ziel: schneller sein als Katrin und mindestens genauso schnell wie Leonie. Mein Start ist noch etwas holprig, aber ich finde immer besser ins Rennen und kann relativ mühelos (natürlich ist es anstrengend) meine Frequenz bei 32 Schlägen pro Minute halten. Hinter mir sehe ich, wie Leonie auf Katrin aufläuft, kann aber schlecht abschätzen, ob ich meinen Vorsprung ausgebaut habe oder nicht. Nach knapp 24:44 Minuten "erlöst" mich die Zielhupe. Ich paddle langsam weiter und warte, bis auch Katrin und Leonie durchs Ziel kommen. Der Kommentator bestätigt, was Markus schon vermutet hat: Ich war schneller! Auch die folgenden Boote können meine Zielzeit nicht toppen, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die Langstrecke gewinne. Freut mich unwahrscheinlich. Noch mehr freut mich, dass wir wohl doch kein Messboot gebraucht hätten: Jeder Trainer, dem ich nach dem Rennen begegne, sagt mir das gleiche: "Sah verdammt gut aus, was du da machst."

Abtauchen - Auftauchen - Abheben

Die Wochen nach der WM sind traditionell die Zeit um die Beine hochzulegen, in den Urlaub zu fahren, Klausuren nachzuholen... kurzum: um alles das zu tun, was man während der Trainings- und Wettkampfphase nicht tun kann.
Nun fällt Urlaub bei mir leider normalerweise flach (der Tarifurlaub geht ja schon komplett für die Trainingslager drauf), Beine hochlegen ist eh nicht so mein Ding und Klausuren hat man ja als Arbeitnehmerin auch nicht (nach)zuschreiben. Was zum Teufel hab ich also in den letzten vier Wochen, außer Lebkuchenherzerl malen, getan? 

Abtauchen

Wer sagt denn, dass Dienstreisen keinen Spaß machen?

Blick aus dem Bunker.
Der Sommer hat extra darauf gewartet, dass ich wieder zu Hause bin. Leider hat er da nicht an die Freibäder gedacht, die leider alle schon Anfang September ihre Pforten schlossen, so dass ich mich genötigt fühlte, doch ganz einfach den Baggersee zu nehmen. 
Die weit bessere Alternative bot sich dann allerdings mitte der Woche: meine Kollegen und ich waren auf "Klassenfahrt" in Saint Nazaire, wo uns unsere französischen Kollegen die Monatge der mittleren Rumpfsektion der Langstreckenflugzeuge erklärt haben. Wir haben viel gesehen, viel gestaunt und eine Menge Anregungen für unsere A320-Rumpfmontage mitnehmen können. Und trotz des vielen Inputs blieb doch noch die Zeit, im Atlantik zu plantschen, Hitlers U-Boot-Bunker zu besichtigen und im Casino ein paar Euro bei Roulette zu er- und wieder zu verspielen.

Auftauchen


Rushhour beim Sommerfest.
Unter dieses Stichwort passt nicht nur der Ausflug nach München, sondern auch das - aufgrund des tollen Wetters spitzenmäßig besuchte - RCS Sommerfest, wo ich den halben Tag damit beschäftigt war, mehrere Quadrameter Kuchen zu verkaufen.

Außerdem konnte ich mich auch mal auf der Balkoneinweihungsparty meiner besten Freundin blicken lassen (sonst bin ich ja eher nicht dafür bekannt, zu irgendwelchen Partys zu gehen. Meistens bin ich dann doch unterwegs oder muss früh raus am nächsten Tag).
Oh ja, Rudern macht immer noch Spaß.
Orange is the new red:
Während ich bei der WM war, hat mein Boot eine Rundumerneuerung genossen.
Nordddeutsche Meisterin im Fraueneiner - klappt auch untrainiert...
Und schließlich hat die wunderschöne (nahezu) trainingsfreie Zeit ihren krönenden Abschluss in den Norddeutschen Meisterschaften gefunden. Gestern mit Irene im Zweier fehlte leider etwas die Power, aber heute konnte ich mit meinem frisch renovierten Boot die Goldmedaille im Fraueneiner abstauben.


Abheben

Anna, ASK21 und ich.

Mein persönliches Highlight der letzten Wochen war nichtsdestotrotz der Tag auf dem Segelflugplatz Boberg. Meine Freundin Anna, die gerade ihre Fluglehrerausbildung macht, hatte mich eingeladen.
Es war toll! Und ganz anders, als man sich Segelfliegen so vorstellt. Hat mehr was von Achterbahnfahren als von schwerelosem dahingleiten. Macht aber trotzdem (oder vielleicht auch deswegen) irrsinnig Spaß.

WM-Finale in Zahlen

The world rowing championship final in numbers.

Falls ihr es verpasst habt: ihr könnt euch das Video hier anschauen (unser Rennen startet etwa bei 46:45min) - If you missed it, you can watch the race on youtube (it starts approx. at 46:45min).
All photos by Oliver Quickert.

1050 km gemeinsames Training /Training kilometres

22 Windgeschwindigkeit des Gegenwinds in km/h / Speed of the headwind in km/h

3 Meter Vorsprung vor GB and der 1000m-Marke / meters ahead of GB after half the race

1300 meter in Führung / Meters in lead

1.85 Sekunden Rückstand auf Großbritannien im Ziel / seconds behind GB on the finish line

52,9 Gewicht unseres Bootes in kg nach dem Rennen / Boat weight in kg after the race

4000 geschätzte Anzahl Kalorien, die ich nach dem Rennen verdrückt habe/ estimated number of calories I ate after the race


It was phantastic. Thanks to the GB and CHN teams for the togh racing. Great fight! 
Thanks to you for your interest and support!


Regatta Ratzeburg oder: vom Streben nach Glück

Alle Zitate in diesem Artikel stammen aus Chris Gardner: The Pursuit of Happyness

Ihr habt hier lang nichts von mir gelesen. Aber das hat auch einen guten Grund: Die letzten Wochen ist einfach mal so gar nichts passiert. Für den Senior-A-Bereich gibt es im Sommer eben neben den Weltcups, Welt- und Europameisterschaften keine halbwegs hochklassigen Regatten.

Die Zeit seit der Regatta Gent war für mich wie Wintertraining, nur dass es halt nicht so kalt und dunkel war. Ich bin viel Einer gefahren, was blieb mir sonst auch übrig? Katrin und Lena haben sich gemeinsam auf den Doppelzweier in Ratzeburg vorbereitet und Leo steckte über beide Ohren in ihrer Bachelorarbeit.

“The future was uncertain, absolutely, and there were many hurdles, twists, and turns to come, but as long as I kept moving forward, one foot in front of the other, the voices of fear and shame, the messages from those who wanted me to believe that I wasn't good enough, would be stilled.”
Ich denke, man kann sich vorstellen, dass das für die Motivation nicht einfach ist - es fehlte einfach die konkrete Zielsetzung. Letzten Endes war es die Gewissheit, dass es nach Ratzeburg dann ja endlich in den Vierer und zum Weltcup gehen sollte und oft genug auch einfach die Gewohnheit, jeden Tag zu trainieren, die mich jeden Tag ins Bootshaus trieb.

Zumindest konnte ich viel und konzentriert an meiner Rudertechnik arbeiten und fühlte mich stark und fit.

Am Wochenende nun also ENDLICH wieder eine Regatta. Wie auch die letzten paar Jahre war mir vom DRV "verordnet" worden, in Ratzeburg im Vierer an den Start zu gehen. Damit sich das Wochenende auch lohnt, hatte Markus mich zusätzlich auch noch im Einer gemeldet, da gab es aber am Samstag nur eine und am Sonntag gar keine Gegenmeldung, so dass er kurzerhand beschloss, mich bei den Schwergewichten mitfahren zu lassen.

Medaille No.1: Einer am Samstag
In der Woche vor der Regatta habe ich vom Umfang her ziemlich normal trainiert - und so wollte sich die Regattastimmung zunächst nicht so recht einstellen - es ist für den Kopf doch ein recht großer Unterschied, ob man eine Regatta "aus dem Training raus" fährt, oder ob man sich gezielt darauf einstellt und vorbereitet.

Das Wetter war am Samstag war für Ratzeburger Verhältnisse recht gut - sehr sonnig und die Wellen waren zumindest nicht so hoch, dass sie ins Boot laufen… Trotzdem hatte ich die ersten paar hundert Meter viel damit zu kämpfen, nicht nach Backbord aus meiner Bahn gepustet zu werden und fuhr mit einer entspannten Frequenz 31 erstmal auf gleicher Höhe mit der Ruderin aus Speyer. Gegen Streckenhälfte ist mir das dann ein bisschen zu langweilig geworden und außerdem war das mit dem Wind auch schon etwas besser, so dass ich beschloss, jetzt mal vorbeizufahren. So kam ich dann mit einer Länge Vorsprung ins Ziel.

Ich war zufrieden. Und hatte das Gefühl, endlich wieder in der Saison angekommen zu sein. Rennen zu fahren. Zu zeigen, was ich kann.

Später am Nachmittag ging's dann noch zum Training in den Doppelvierer - mit Katrin, Leo und Samantha Nesayda. Lena hatte beschlossen, ihre Ruderkarriere zu beenden. Mit Sam hatten wir aber auf jeden Fall eine starke und motivierte vierte Frau an Bord.

Der Sonntag wartete für mich mit einer bisher ungekannten Herausforderung auf mich: Rennen fahren VOR dem Wiegen. Eine Konstellation, die ich im Laufe des Vormittages lernte zu hassen. Mein Einerrennen sollte um 13:50 starten, wir hatten ungefähr 30° und das Gewicht für den Doppelvierer so gerade eben. Das führte zwangsläufig dazu, dass ich mich zwischen Frühstück und Einerrrennen nicht wirklich traute, viel zu essen oder zu trinken. Trotzdem konnte ich das Rennen glatt über die Bühne bringen und einen weiteren Sieg verbuchen.
Medaille No.2: schwerer Einer am Sonntag.
… und dann nahm die Katastrophe ihren Lauf:

Wir hatten am Boot nochmal einige Einstellungen verändert und um sicherzugehen, dass dabei keine unruderbare Bootskonfiguration herausgekommen war, wollte uns unser Trainer zwischen Waage und Rennen noch einmal für eine kurze Runde aufs Wasser schicken. Entsprechend pünktlich musste ich dann auch auf der Waage stehen (dank all der Aufregung und dem wenigen trinken mit 700g Luft ), so dass keine Zeit mehr blieb, mich im Einer noch ein wenig auszufahren. "Macht ja auch nichts - du fährst ja gleich noch ne lockere Runde Vierer". Gleich war dann allerdings nach wiegen, essen und Einteiler suchen doch erst eine Dreiviertelstunde später, so dass das Laktat gut Zeit hatte, sich in meinen Beinen festzusetzen.

Wir brauchten in etwa die halbe Runde, bis wir alle vom Kopf her so weit runtergefahren und konzentriert waren, dass das Boot auch halbwegs lief. Dann ging's für eine knappe halbe Stunde nochmal an Land.

Inzwischen hatte der Wind aufgefrischt und außerdem fuhr hinter jedem Rennen ein riesiges Zuschauer-Motoboot her, so dass der Warmfahrbereich nur noch aus Wellen bestand.

Ralf hatte und in der Rennbesprechung angewiesen, den Start "mehr auf Sicherheit" zu fahren, den Streckenschlag aber nicht unter 35 fallen zu lassen. Die Ampel sprang von Grün auf Rot, wir ließen unsere Technik in Wasser fallen und hühnerten los. Es muss ausgesehen haben, als ob man versehentlich vier Einerfahrer in ein Boot gesteckt hat. Wir fanden einfach keinen gemeinsamen Punkt und kamen als dritte, hinter der deutschen und der französischen U23-Mannschaft ins Ziel.

Ich muss glaube ich nicht erzählen, dass wir alle nicht zufrieden mit unserer Leistung waren, dass man aber trotzdem nicht auf die Idee zu kommen braucht, wir hätten uns nicht bemüht oder keine Lust gehabt. Ein Mannschaftsboot lebt - gerade bei schwierigem Wetter - oft davon, dass jede ungefähr weiß, wie die Schlagfrau normalerweise fährt und dass es irgendeinen - vorher definierten und geübten - Punkt im Schlag gibt zu dem man sicher wieder einsteigen kann, wenn man aus irgendwelchen Gründen aus dem Rhythmus gefallen ist. Das sind alles Qualitäten, die man normalerweise nicht innerhalb der ersten 45 gemeinsam geruderten Minuten entwickelt.

Also verabredeten wir uns vor dem Weltcup in Poznan nochmal für ein laaanges Trainingswochenende. Da würden wir die Kiste schon noch zum Rutschen bekommen.

Am Montag gab es dann das Meldeergebnis zum Weltcup und für uns die unschöne Nachricht, dass wir im Vierer keine Gegenmeldung hatten und das Rennen daher nicht stattfinden würde.

"Ich glaube hinfallen und wieder aufstehen habe ich in dieser Saison dann ausreichend geübt." - Das Zitat stammt ausnahmsweise mal von mir selbst.
Und, als wäre die Situation nicht schon doof genug für uns alle, sollen wir in drei Wochen auf den deutschen Jahrgangsmeisterschaften noch einmal -quasi außer Konkurrenz - gegen die U23-Mannschaft antreten und werden nur dann für die WM nominiert, wenn wir dort dann schneller sind. Manchmal würde ich mir einfach etwas mehr Vertrauen seitens des Ruderverbandes wünschen. Ich habe oft den Eindruck, dass ich fit und meine Leistungen im Großen und Ganzen gut sein können - so bald mal was schief läuft, muss ich erstmal wieder beweisen, dass ich zwei Skulls festhalten kann. Na ja, zumindest ist es so immer noch besser als erst zum Relationsrennen zu wissen, ob wir mitdürfen.
“It was right then that I started thinking about Thomas Jefferson on the Declaration of Independence and the part about our right to life, liberty, and the pursuit of happiness. And I remember thinking how did he know to put the pursuit part in there? That maybe happiness is something that we can only pursue and maybe we can actually never have it. No matter what. How did he know that?”
Richtig eingeholt hat mich die deprimierende Erkenntnis dann erst heute: du kannst dich noch so bemühen, deine Ziele zu erreichen, du kannst in der Form deines Lebens sein und es wird trotzdem noch immer Menschen und Umstände geben, die dir dein Ziel einfach wegnehmen können. Noch habe ich es diese Saison immer geschafft, geradeaus weiterzulaufen, bis das nächste Ziel am Horizont zu sehen war.
Am Donnerstag fangen wir an, zu trainieren. Wird schon.

Mal was anderes: International Ghent May Regatta

Nachdem das nun nichts geworden war mit der EM (weil nur für olympische Bootsklassen und da bin ich ja bekanntermaßen nicht dabei) wurde Markus beim Suchen nach einer "Ersatzdroge" in Belgien, genauer gesagt in Gent, fündig. Dort fand am Wochenende - zeitlgleich zur EM - eine Internationale Regatta statt. Dazu wiederum gleichzeitig gab's dann auch noch die Regatta in Bremen, wo Markus mit Jasper hinfuhr, so dass ich mich "ganz alleine" auf den Weg nach Gent machte.
Allein bin ich natürlich nicht gefahren - Carstens schwere Männer, mit denen ich vor zwei Jahren schon mal Langlaufen war, haben mich freundlicherweise mitgenommen. So stieg ich um kurz nach 10 bei strahlendem Sonnenschein zu Struppi in den Bus und übernahm in den nächsten sechs Stunden die "ehrenvolle" Aufgabe der Navigatorin - denn anders als ihm das die Trainer erzählt hatten konnte ich ihn beim fahren ja nicht ablösen (der Führerschein ist noch in Arbeit...) Auch das mit dem Navigieren hatte ich noch nicht so raus, denn bei der Suche nach der Angabe, wo wir mit unserer Karte tanken dürfen, habe ich gleich mal verpasst, Struppi zu sagen, dass er nach Bremen abbiegen soll und wir mussten an der nächsten Ausfahrt umdrehen.
Nach ein paar Stunden Fahrt, irgendwo im Ruhrgebiet, tauchte dann diese seltsame Kontrolleuchte auf, die wir beide nicht kannten... Also: Handbuch aufschlagen... oh, Struppi, ist die rot? Dann geht der Motor nicht mehr an, wenn wir ihn einmal aushaben. (Und Struppi musste sich erstmal wieder dran gewöhnen, nicht Automatik zu fahren...). Zum Glück war sie dann doch nur Gelb. Trotzdem entschlossen wir uns beim Tanken dann doch vorsichtshalber einen Kanister AdBlue nachzufüllen. Plopp- Rollrollroll... verdammt! Das war der Deckel... wo ist der hingerollt, Jungs? Nach einigem Suchen haben wir ihn dann zum Glück drei Autos weiter doch wiedergefunden.
Nachdem wir erleichtert festgestellt hatten, dass mein Handy auch im Ausland (ohne Internet) noch den Weg weiß und das Gerät auch schon zwei Powerbanks leergenuckelt hatte ist es dann kurz vor Schluss doch noch abgestürzt und wir mussten den Weg zur Regattabahn selbst suchen.

Die Watersportbaan in Gent ist mit Sicherheit die allerkleinste 2000m-Regattabahn, die ich bisher erlebt habe - die Strecke ist künstlich angelegt - also ein großer Betonpool - und hat nur fünf Bahnen für die Rennen und eine zum Hochfahren zum Start. Durch die Betonwände ringsrum hat natürlich auch keine Welle auch nur näherungsweise die Chance, sich irgendwo totzulaufen, so dass bei ordentlich Betrieb auf der Strecke das Wasser auch ganz schön kabbelig wird. Um dieses Problem nicht noch zusätzlich zu verschärfen, hat man sich in Gent dazu entschieden, die Schiedsrichter nicht auch noch auf der Strecke rumfahren zu lassen. Die dürfen stattdessen nebenherfahren - im Fiat 500.

Nachdem wir eine Runde gerudert waren und unsere Hotelzimmer bezogen hatten ging's dann zum Edel-Italiener (mehr aus Unwissenheit denn aus Absicht). Leider war der so edel, dass man von den stilvoll arrangierten Frischkäse-Spinat-Ravioli selbst als Leichtgewicht nicht so recht satt werden konnte. Zum Glück konnte Frieda mir noch mit einem Stückchen Kuchen aushelfen bevor wir uns unter unsere gemeinsame Bettdecke kuschelten.

Merke fürs nächste Mal: Waage im Powerzaal!
Am Samstag hieß es dann: Früh aufstehen, eine Runde wachrudern gehen und dann die Waage suchen... ach ja, und wo gibt's hier die Startnummern? Wenn man keinen Trainer dabei hat muss man sich plötzlich um alles selbst kümmern. Na ja, jedenfalls hab ich's trotzdem pünktlich, verwogen und mit der richtigen Startnummer aufs Wasser geschafft.

Nachdem ich nach einem relativ lahmen Start schon gut vorneweg fuhr, konzentrierte ich mich den Rest der Strecke darauf, dem heftigen Gegenwind einen technisch möglichst sauberen Schlag entgegenzustemmen und kam mit etwa 20s Vorsprung ins Ziel. Inwischen war auch die Sonne aufgewacht und ich war froh, dass das Hotel zu Fuß zu erreichen war, so dass ich in den sechs Stunden zwischen Vorlauf und Finale nochmal ein bisschen aus der Hitze rauskam.
Zum Endlauf war der Wind dann etwas weniger geworden und ich konnte mich ordentlich mit Leo Pieper matchen, die mich ganz ordentlich ärgerte, bis ich ihr dann doch irgendwann entkam - Sieg am Samstag, die erste Medaille dieser Saison!
Siegerehrung am Samstag (Foto:Koninklijke Roeivereniging Sport Gent V.Z.W)
Am Sonntag sollte der Vorlauf dann noch früher stattfinden, was für mich bedeutete, dass ich zwischen sechs und sieben Uhr morgens auf die Waage musste. Damit nicht meinentwegen einer der Trainer zu nachtschlafender Zeit aufstehen musste, verzichtete ich darauf, vorher nochmal Rudern zu gehen und schlug um halb sieben gemeinsam mit gefühlt allen anderen Leichtgewichten egal welchen Geschlechts und Alters im Wiegeraum auf.
Weil ich mich nicht hatte wachrudern können ging ich dann schon sehr früh, etwa eine Stunde vor dem Vorlauf, raus aufs Wasser und wurde prompt verwechselt: An der Mitte der Strecke sind Schiedsrichter positioniert, die schon mal schauen, ob auch alle gemeldeten Boote zum Start fahren, so dass man weiß, ob es sich lohnt zu warten, wenn am Start ein Boot fehlt. Die haben mich jedenfalls nicht als leichten A-Fraueneiner wahrgenommen, so dass ich am Start mit den Worten "1000m told me you must have come to the start by helicopter." begrüßt wurde.
Auch am Sonntag war der Vorlauf eher unspannend, mit einem lockeren ersten Platz konnte ich mich fürs Finale qualifizieren. Danach lief ich mit Steffi zusammen nochmal ins Hotel, um vernünftig und gemütlich zu frühstücken und wenigstens ein paar WM-Finals zu gucken. So sahen wir Anja auf einem winddurchwühlten Beetzsee Europameisterin werden.

Auch bei uns war es noch windiger geworden. Nachdem ich das Thema unterschätzt und meine Skulls nicht noch kürzer gestellt hatte, kam ich am Start nicht so recht los und hatte keine Chance mehr, die seelenruhig vornewegdampfende Leonie noch irgendwie einzuholen.
Anders als am Samstag gab es am Sonntag keine Siegerehrung, sondern man konnte sich die Medaillen im Clubhaus abholen. Auch anstehen für eine Medaille war für mich ein absolutes Novum. Aber ich hatte ja Zeit.... die Jungs waren erst am Nachmittag dran, so dass wir frühestens um halb sechs würden aufbrechen können. Meine Rettung bis dahin: Das Speculous-Eis vom fliegenden Eismann und ein schattiges Plätzchen unterm Baum.







Willkommen (zurück) in meinem Leben

Endlich wieder arbeiten. Es mag komisch klingen, aber nach 4 Monaten rudern, essen, schlafen (und Autofahren) konnte ich es kaum abwarten.



Ich startete ganz gemütlich mit einem Freitag Vormittag:
  1. Mitten in der Nacht aufstehen und rauf aufs Rad. 
  2. Hallo, Kollegen! 
  3. Wie war noch gleich mein Passwort? 
  4. 300 Emails löschen 
  5. Wir sind schon wieder umorganisiert worden, plötzlich sind wir so viele Leute in der Abteilung, dass wir am Frühstückstisch zusammenrücken müssen… 
  6. Uuund… 13:00 schon Feierabend… ich muss los, das Rudererleben ruft: dieses Wochenende ist Langstrecke in Leipzig. 
Natürlich war nicht nur Langstrecke angesagt, sondern am Samstag erstmal der 2000m Ergotest. Mein Traum wäre eine 7:10 gewesen, 7:12 hätte ich für möglich gehalten. Geworden ist es leider eine 7:16,3 -Immerhin schneller als in Dortmund, völlig okay. Aber ich hätte sie ja doch lieber alle beeindruckt…
Im Nachhinein sehe ich den Ergotest nicht mehr so kritisch - es sollte ja noch schlimmer kommen.
VOR dem Ergotest war die Stimmung noch ganz gut...

Der Sonntag begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein und leichtem Gegenwind - das machte mir richtig Lust aufs Rennen. Leider hatte ich durch die Krankheit und damit verbundene späte Anreise nach Sevilla wenig Gelegenheit gehabt, hohe Frequenzen zu üben. Das machte sich gleich am Start bemerkbar; ich kam einfach nicht so richtig in die Gänge und Lena, die hinter mir startete, konnte gleich ein ganzes Stück ranfahren. Unter Markus anfeuerungsrufen gelang es mir dann doch nach einiger Zeit in einen halbwegs passablen Streckenschlag zu finden. Bei etwa 2000m hörte ich dann plötzlich statt des üblichen Texts (Frequenz liegt bei 29, flüssig rum vorne, nur der Körper schwingt, …) nur noch ein uarggg…. Schepper! Und sah meinen Trainer im hohen Bogen vom Rad fallen. Trotz des Schrecks hieß es nun natürlich: weiterrudern. Ich war erleichtert, ihn wieder aufstehen zu sehen, aber irgendwie sah das seltsam aus, wie er da wieder losradelte… und so richtig kam er auch nicht hinterher. Irgendwann musste er abreißen lassen und ich war ganz auf mich allein gestellt mit der Aufgabe, mir nicht zu viele Sorgen um meinen Trainer zu machen (Stichwort: denk nicht an den Rosa Elefanten) und die Schlagzahl irgendwie oben zu behalten (und das ohne Schlagzahluhr). Zum Glück hatte ich auf den letzten 2km dann doch wieder Begleitung… Ich kannte zwar die Stimme nicht, aber immerhin hatte ich wieder etwas Orientierung. Zu guter Letzt beging ich dann noch den allergrößten Anfängerfehler und hörte ein paar Meter vor der Ziellinie auf zu rudern. Das Ergebnis war dann leider Platz 6, 10 Sekunden hinter Lena, die sich als Dritte gleich hinter Marie und Fini einsortierte.
Das war wohl nix… was war ich unzufrieden.

Jasper erging es noch schlechter als mir - ein gewisses Schalentier brachte ihn zum Kentern, aber immerhin konnte er wieder einsteigen und das Rennen noch zu Ende fahren.
Langstrecke: 6 Kilometer Quälerei und dann noch nicht mal schnell (Foto: Peter Adams/ Rudern.de)

Im Laufe der folgenden Woche begann mir dann zu dämmern, warum mir immer alle erzählt haben, dass Leistungssport und Arbeit zusammen gar nicht funktionieren können. Bisher hatte ich mir da immer wenig Gedanken drüber gemacht - ich kannte es ja nicht anders. Nach vier Monaten Arbeitspause merkt man dann erstmal, wie anstrengend das wirklich ist. Zusätzlich kam dann noch dazu, dass wir in Allermöhe trainiert haben und ich entsprechend viel Fahrerei zusätzlich hatte.

In Allermöhe fand dann letztes Wochenende auch der Hamburg- interne Test der Junioren statt. Im Zuge dessen konnte ich am Samstag auch noch zweimal 2000m unter Rennbedingungen testen. Es lief… auch nicht viel besser als in Leipzig. Fühlte sich alles noch sehr fest und schwergängig an. Vielleicht fehlte immer noch die Übung? Und das eine Woche vor den Kleinbootmeisterschaften :(

Am Sonntag stand dann nur eine, dafür etwas längere Einheit auf dem Plan: die Boote mussten von Allermöhe zurück an die Süderelbe und das erledigten wir ganz einfach auf dem Wasserweg. Ich hatte ausgeschlafen, mich warm angezogen und das Wetter war auch ganz passabel. Einfach mal nur rudern, was gibt es schöneres? Also rein ins Boot, ab zur Schleuse, die Norderelbe flussabwärts und dann abbiegen in Richtung Veddel. Und siehe da plötzlich stellte sich auch wieder ein entspannter, Kraftvoller Schlag ein! Vorbei am IBA-Dock ging's endlich wieder zurück in heimische Gewässer, in den Reiherstieg, wo mir die Besatzung der Boavista fröhlich zuwinkte. Endlich wieder zu Hause.

Ans Arbeiten hab' ich mich so langsam auch wieder gewöhnt, das Boot ist grundgereinigt und poliert, und gleich geht's los nach Köln. Wird schon.

Weltcup Varese - Tag 3

Copyright: Deutscher Ruderverband/Seyb

Sonntag, 23:45
Ich bin froh, dass Johannes wach geblieben ist und meine Tasche die Treppe hochträgt. Alleine hätte ich das nicht mehr geschafft.

4 Stunden früher
Im Flugzeug sitze ich neben dem Cheftrainer.
"Du hast noch gar nicht gefragt, wie es jetzt weitergeht." - "Das wollten heute schon alle von mir wissen." - "Gib mir zwei Tage."

1 Stunde früher

Eine Herde glücklicher Leichtgewichte stürmt die Eisdiele am Flughafen Milano Malpesa.

5 Stunden früher

Hertie, Barbara, meine Eltern, Markus und ich stehen auf der Dachterasse des Rudervereins und schauen uns das Doppelzweier-Finale an. Markus kann mal wieder zu dem Zeitpunkt wo alle anderen so gerade eben sehen dass da Boote kommen schon Schlagzahlen messen. Trotzdem rätseln wir bis die Boote an uns vorbeifahren wer wohl auf welcher Position liegt. Marie und Fini holen Silber! Glückwunsch und Erleichterung. Es gibt ganz bestimmt eine Entscheidung!

2 Stunden früher

Ich steige als komplettes Nervenbündel aus meinem Einer. Endlich kann mich Markus in den Arm nehmen. Ich lasse eine ganze Weile nicht mehr los. Danach kann ich auch wieder in die Kamera der Volunteers lächeln, die mich um ein gemeinsames Foto bitten.

Copyright: Deutscher Ruderverband/Seyb
15 Minuten früher
Und plötzlich sind da viel zu viele Kameras. Viel zu viele Stimmen die rufen "Schau hier her!" - "Lächeln!" - "Halt die Medaille nochmal hoch!". Neben den Fotografen kämpft Markus mit den Sicherheitsleuten, die ihn nicht durch den Pressebereich zu mir lassen wollen. Ich bin völlig verwirrt, überfordert und will gar nicht mehr in die Kameras gucken. Nur schnell zurück ins Boot.

5 Minuten vorher
"War übrigens gar nicht so schlimm, dass du auf der EM im Interview noch nicht viel sinnvolles von dir geben konntest. Die Kamera hat eh keinen Ton aufgezeichnet. Aber ein Stück weit macht das auch den Reiz der Interviews nach den Rennen aus. Wie geht es denn jetzt bei dir weiter?" Wenn ich das mal wüsste... ich würde gerne weiter Einer fahren, aber es könnte mir auch passieren, dass ich zur WM wieder im Vierer lande, wenn Anja gerne Einer fahren will. Mal sehen, was die Bundestrainer entscheiden.
Ich bin erstaunt, dass mich meine Füße bis zur Siegerehrung tragen.

10 Minuten vorher

Die Ampel springt auf grün und ich spurte los. Scheinbar bin ich schneller losgekommen als die letzten Tage. Die Braslilianerin ist weg, aber ich bin noch mitten im Feld. Dafür tue ich mir schwer, auf einen runden Streckenschlag zu kommen. Gleich müssten doch mal 250m vorbei sein. Eine Markierung kommt an mir vorbei. Erstaunt stelle ich fest, dass es schon die 500m-Marke ist. Ich bin immer noch im Mittelfeld, NZL2 und Dänemark sind in Reichweite. Brasilien und die erste Neuseeländerin kann ich vor mir nicht mal mehr erahnen.
An der 1000m-Marke setze ich zum Zwischenspurt an. Die drei bin ich erstmal los. Jetzt nur nicht einknicken. Gegen Streckenende versucht sich die Chinesin noch an einem Endspurt. Ich kann noch gegenhalten und erreiche die Ziellinie auf dem dritten Platz. Eine gefühlte Ewigkeit kann ich nur nach Luft schnappen. Dann fange ich so langsam an, mich zu freuen.
Copyright: Deutscher Ruderverband/Seyb

Eine Stunde vorher
"Ich weiß jetzt, wie wir die Dänin knacken: Versuch am Anfang ein kleines bisschen schneller zu fahren, nicht viel, nur nicht einfach nur losfahren. Die war nur auf den ersten 500m zwei Sekunden schneller als du."
Ich bin unglaublich nervös.

Zwei Stunden früher
Ich sehe mir das B-Finale des Leichtgewichts-Frauendoppelzweiers an. Anja und Lena kommen als letzte ins Ziel. Auch wenn ich ihnen das nicht gewünscht habe, bin ich erleichtert dass damit bestimmt nächste Woche endgültig entschieden wird, wer in welchem Boot zur WM fährt.
 
Am Abend zuvor

Marcus: "Was wird das denn bei euch?"
Markus: "So zwischen drei und fünf."
Marcus: "Mach mal drei."

Hügelregatta Essen

- for the English Version of this text, scroll down to the second heading - 
The universe, they said, depended for its operation on the balance of four forces which they identified as charm, persuasion, uncertainty, and bloody-mindedness.
-Terry Pratchett, The Light Fantastic
Wie so oft lief mal wieder alles anders als erwartet, aber letzten Endes doch ganz gut. ich hatte ja schon berichtet, dass ich kurzfristig nun doch wieder aus dem Zweier mit Marie aussteigen musste. Der ursprüngliche Plan wäre gewesen, dass ich gemeinsam mit Leonie Pieper, der Schlagfrau des letztjährigen WM-Vierers, zusammen fahre. Leider war sie eine Woche nach meinem Berlin-Ausflug immer noch krank, so dass wir uns kurzfristig dazu entschieden, wieder mal mit Katrin ins Boot zu steigen.
Es hätte mich schlimmer treffen können. Denn obwohl wir an jenem Wochenende alles andere als gute Trainingsbedingungen in Hamburg vorfanden - es begann mit einer Sperrung der Reiherstiegschleuse, ging weiter über stürmisches Wetter und endete mit einem geklauten Unterlegkeil für den Ausleger - gelang es uns letzten Endes doch, dort anzuknüpfen wo wir letztes Jahr aufgehört hatten.

Katrin scheint einfach die perfekte Partnerin für mich zu sein - ich kann nicht nur Rudern so wie ich will und sie macht alles perfekt nach, nein, glegentlich ertappe ich mich bei dem Gedanken: "So wollte ich immer schon mal rudern! warum bekomm ich das im Einer nicht hin?"


Trotz des vielen Zweierfahrens haben die Bundestrainer dann doch entschieden mich auf der ersten internationalen Regatta des Jahres, der Hügelregatta in Essen am Samstag im Einer antreten zu lassen. Am Sonntag würde ich dann - vorbehaltlich irgendwelcher wilden Ummeldeoptionen - mit Katrin im Zweier sitzen.

Eine faire und erfolgreiche Zweierselektion ist immer ein schwieriges Unterfangen und wird selbstverständlich nicht wirklich einfacher, wenn es dazu auch noch Sportlerinnen gibt, die sich Partout nicht zusammen ins Boot setzten wollen und sei es nur im Falle eines Einsatzes der Ersatzfrau.
Folgerichtig würde mein Einerrennen am Samstag die Möglichkeit sein, die Bundestrainer von meiner Eignung als Einerfahrerin und potenzieller Ersatzfrau zu überzeugen.

Aber zunächst mussten wir uns auf den Weg nach Essen machen.

Markus wurde am Freitag von einer derartigen Pechsträhne heimgesucht, dass wir schon frotzelten, dass das wohl sein müsse damit ich am nächsten Tag nur noch Glüc haben würde. Zunächst hatte die Postfiliale, wo er sieben Pakete abschicken wollte nur noch 2 Paketmarken da, dann steckte er auch noch im innerstädtischen Verkehr in Downtown Heimfeld fest. Nachdem er mich schließlich mit einer guten Dreiviertelstunde Verspätung zu Hause eingesammelt hatte mussten wir auf der Autobahn nochmal umdrehen, weil er nach dem Tanken leider das Bezahlen völlig vergessen hatte.

Essen ist nun wirklich die Regattastrecke die ich am allerwenigsten leiden kann. Die Strecke - ohne jedwede Verankerung zum Ufer hin mitten auf dem Baldeneysee schwimmend - gilt als eine der fairsten Regattastrecken Deutschlands. Wobei fair in dem Falle bedeutet, dass die Bedingungen auf allen acht Bahnen gleich unterirdisch sind. Meinen persönlichen Minusrekord habe ich auf der Hügelregatta 2013 aufgestellt, wo ich nach 11:50 überraschenderweise doch endlich das Ziel erreichte. Darüber hinaus verteilen die rheinischen Frohnaturen gerne Fähnchen auf massiven Stahlbojen wie Konfetti über den See - unfallfrei am Start angekommen zu sein ist eine echte Erleichterung.

Aber nun zurück zu den Geschehnissen am Wochenende:
Nachdem für mein Rennen insgesamt 13 Boote am Start waren, gab es Vormittags einen Vorlauf. Die Regatta war tatsächlich auch sehr international besetzt, so dass ich gleich schon mal gegen Holland, die Schweiz, Großbritannien und Uruguay randurfte. 
Das  Wetter war für essener Verhältnisse sogar erstaunlich gut - beständiger Gegegenwind, ein paar Wellen aber immerhin kam das Wasser nicht mit Wucht von allen Seiten gleichzeitig.

Nachdem ich so lahm wie immer losgefahren war und mich zu meiner Überraschung immer noch mitten im Feld wiederfand konnte ich mir im Streckenverlauf einen Vorsprung einfahren und diesen auch bis zur Ziellinie vor der Britin Brianna Stubbs verteidigen.

Das Finale ging ganz gut los, so dass mich erst ein Krebs auf Streckenhälfte dazu ermuntern musste, mich auf meine Schlagstruktur zu konzentrieren. Letzten endes konnte ich mich aber doch durchsetzen und einen riesigen Klunker von Medaille abholen.
 
Ein paar Stunden später fuhren wir zur Regattastrecke zurück um uns das Duell der beiden Zweier anzuschauen.

Ich denke dass niemand vorher daran gezweifelt hätte, dass Marie und Fini ernstzunehmende Gegnerinnen für Anja und Lena sind, aber damit, dass sie vier Bootslängen vorneweg fuhren war nun echt nicht zu rechnen. Das Nominierungskriterium für die EM, "deutliche Führung", das vorsichtshalber nicht weiter spezifiziert worden war, hatten sie damit aber auf jeden Fall erfüllt.
Das gilt doch als eindutige Führung, oder?// It's a clear lead, isn't it?
Der Sonntag ist mit allen interessanten Booten in einem Rennen recht schnell erzählt - Katrin und ich haben leider gegen den Rest kein Land gesehen und waren auch nicht so richtig zufrieden damit, wie wir gerudert sind.
Am vorderen Ende des Feldes hat sich die Ordnung nochmal umgedreht, wenn auch nicht so deutlich wie am Samstag - Anja und Lena retteten sich mit 1,8s Vorsprung vor Marie und Fini ins Ziel. Letzere bleiben aber trotzdem für die EM nominiert.
Und ich? Hoffe dass die FISA es dem Deutschen Ruderverband gestattet, mich im Einer nachzumelden. Nominiert bin ich.

 

 

International Hügelregatta Essen

 

The universe, they said, depended for its operation on the balance of four forces...

As always, everything was about to start differently than expected, somewhat chaotic but still somehow not so bad.
After the sudden loss of my double partner Marie (who was unfortunately right after a few training sessions faster with Fini than with me, even though we had spent a two-week intensive training  camp in March), the next possible double partner, Leonie Pieper (on stroke in last years' four) had caught some kind of serious illness. 

...which they identified as charm,...

Finally I found myself in the double with Katrin again - could have been definitely worse.Though we found everything but no perfect training conditions last weekend in Hamburg (Wind and more wind, no access to our usual training area in the port and finally a stolen part of one of our riggers), we were able to continue our training right where we had stopped it last year. Amazingly, I sometimes have the feeling that with Katrin sitting in the bow I can not even row like I want - I happen to find myself noticing that I'm actually rowing like I always wanted to and never got to that point before in the single.
Nevertheless, the responsible coaches decided that for the 1st international Regatta this year - the Hügelregatta in Essen - I should start in the single on Saturday, and probably in the double with Katrin on Sunday.

...persuasion,...

Double selection is always delicate and becomes even more complicated when the two fastest rowers are not willing to sit in the same boat - not even in case one of them acts as the spare. To conclude, the single race on saturday would be my chance to persuade the resposibles that I'm a good alternative for the single - and simultaneously spare - position.

But first of all, we had to get there.

Markus had an incredible run of bad luck on Friday which started with a post office out of stamps and some inner city traffic jams delaying our departure by almost one hour. Later on, we had to return to the fuel station on the motorway, as he'd simply forgot to pay the bill.
I tried to make myself believe that Markus had simply absorbed all the bad luck in the atmosphere around us, which would allow me to have all good luck on my side the next day.

Essen is actually the regatta course that I like least - people say it's one of the fairest lanes that we have, as it is entirely situated in the middle of a great lake. In consequence this means that usually the conditions are equally bloody throughout all eight lanes. I set my personal all-time low in Essen in 2013, when it took me 11:50min to complete the 2000 metres in the single.
Moreover, the people in Essen like big, solid buoys which they spread over the lake like confetti - the way to the start can already become a challenge.

Back to the event last weekend:
As there were in total 13 participants for my race, I had to race a heat in the morning and hopefully the final in the early afternoon.
"International" is to be taken literally in the case of the Hügelregatta, so that I found myself racing against boats from the Netherlands, Switzerland, Great Britain and Uruguay in the heat.
Weather was pretty okay for Essen - some headwind and some waves, but no additional water from above and all in all rowable conditions.

I started as slowly as always and was quite surprised to find myself still well inside the field. In the course of the race I was able to make it to the first position and to extend my lead so that I finished the heat a comfortable boat length ahead of Brianna Stubbs from GB.

Though the final was not as smooth (caught a crab im the middle of the race...), I could prevail and won the race in front of Deggendorfs Ladina Meier and the two British boats.

...uncertainty, and bloody-mindedness.

Later that day, we returned to the regatta course to see how Marie and Fini would perform against last years' double Lena Müller/ Anja Noske.
Nomination criterion for the european championships would be a "souverain lead", though they had refused to further specify the term. 
I do not know anyone in the leightweight womens' perimeter who would have doubted that Marie/ Fini would be a serious threat to Anjas and Lenas surpremacy but I guess no one had ever expected the demonstration of power which was enrolling in front of our eyes. Not only did they lead the race - they were lenghts ahead! Almost 10seconds were seperating both doubles on the finishing line.

Glückliche Gewinnerinnen im 2er// Happy winners of the double.

The course of events on Sunday is told quicker - the race was quite a dissappointment for Katrin and me. Suppose we expected too much from ourselves, did not really find our rhythm during the first half of the race and finished in fourth position.

The order on the tip of the field was reversed, though not as clearly as the day before with Anja/ Lena finishing 1,8 seconds ahead of Marie/ Fini. 
Still, this means Marie and Fini are going to compete in the double on the european championships - my congratulations! And me? I'm still hoping that the FISA will allow the german rowing federation to make a late registration for me in the single. If they do so, see you in Poznan on 29th May.

Beliebteste Posts